HUMANISMUS

„Die Antwort auf Fanatismus liegt in einem vitalen Humanismus“

Vier Fragen von Anja Papenfuß (IPG) an Julian Nida-Rümelin zu den Anschlägen von Nizza, Würzburg und München.

„Das Ethos der Menschenrechte ist der Kern eines neuen Humanismus, der allein als Leitkultur einer globalen Zivilgesellschaft taugt. Selbst wenn es im globalen Maßstab als unwahrscheinlich erscheinen mag, dass ein neuer Humanismus den gegenwärtig um sich greifenden religiösen Fanatismus zivilisiert – dies ist die einzige Hoffnung. Furcht sollten wir erst haben, wenn diese Hoffnung stirbt.“

Auzug aus Vor was wir uns fürchten sollten – Für einen neuen Humanismus

Humanistische Reflexionen

29780Selbst wenn die Wirtschaftsweise einer Nation keinen Einfluss auf die Lebensbedingungen ferner Menschengruppen hätte – was heute wohl nur noch in den seltensten Fällen stimmt –, gibt es nicht nur die individuelle, sondern auch die politische und moralische Verpflichtung,  Menschen auf der Grundlage gleichen Respektes zu unterstützen, wenn sie zum Beispiel zu verhungern drohen. Moralische und politische Verpflichtung wird nach humanistischer Auffassung nicht erst durch Kooperationsbeziehungen zum wechselseitigen Vorteil generiert. Die individuellen moralischen Verpflichtungen werden durch einen institutionellen Rahmen kollektiver Entscheidungsfindung in gemeinsame politische Verpflichtungen überführt. Die Verletzung individueller (Menschen-)Rechte in Gestalt von Kinderarbeit, Frauenunterdrückung und Umweltzerstörung in vielen Weltregionen zu beenden, ist eine politische Aufgabe der Weltgemeinschaft, die globale politische Institutionen erforderlich macht.

Auszug aus den Humanistische Reflexionen – suhrkamp taschenbuch wissenschaft (2016)

Humanismus als Leitkultur – Ein Perspektivenwechsel

humanismus_als_leitkulturDas ist das humanistische Credo: Bildung vor Ausbildung! In einer Zeit, in der die ökonomischen Interessen so dominant sind, dass zum Beispiel Fragen der richtigen Lebensform, des Sinns des Lebens, des Respekts im Umgang miteinander manchen merkwürdig altmodisch erschienen mögen, sollte es als große gesellschaftspolitische Herausforderung verstanden werden. Dieses humanistische Selbstverständnis ist auch als ein Gegenentwurf zu einer Gesellschaft der homines oeconomici zu verstehen, in der der Mensch auf eine Rolle als Konsument und als Produzent reduziert wird. Aber wir sind mehr, wir sind Bürger mit einer gewissen Verantwortung für die res publica, wir sind Teil kultureller Gemeinschaften, wir stehen in einer historischen kulturellen Tradition, wir sind kulturell verfasste Wesen.

Auszug aus Humanismus als Leitkultur – Ein Perspektivenwechsel, C.H. Beck (2006)

Die Religion zivilisieren – gegen Fanatismus hilft nur Humanismus als Leitkultur

Der_Tagesspiegel-logo-ADA40222C6-seeklogo.com_Aber es sind nicht die über die Rechtsnormen zu sanktionierten Regeln geronnenen Menschen- und Grundrechte, sondern es ist erst eine Kultur, die die Konformität unserer alltäglichen Praxis mit diesen sichert, die die zivilisierende Kraft der Demokratie ermöglicht. Insofern ist es zutreffend: Keine Demokratie ohne demokratische Leitkultur, ohne die Werte und Normen humaner Praxis. Humanismus als Leitkultur ist heute aktueller denn je.

Abgedruckt im Der Tagesspiegel 23. November 2015

Integration und Humanismus

pm26-titelDie Demokratie als Staats- und Lebensform hat kulturelle Voraussetzungen. Es bedarf keiner spezifisch deutschen Leitkultur, sondern einer alltäglich praktizierten Leitkultur der Humanität, des wechselseitigen Respekts, der gleichen kulturellen Anerkennung, der Akzeptanz von weltanschaulichen und kulturellen Unterschieden. Dort, wo diese unabdingbare Leitkultur des Humanismus mit partikularen, weltanschaulich oder religiös aufgeladenen Praktiken kollidiert, ist es ein legitimes Ziel, diese zu zivilisieren. Gelingende Integration verlangt auch eine Verständigung über die normativen Grundlagen einer demokratischen Ordnung. Je entwickelter der Bildungs- und Sozialstaat ist, desto günstiger sind die Voraussetzungen, um diese Form der Integration zu leisten.

Philosophie Magazin Februar 2016

Thomas Hobbes – redivivus / Ein Lob des staatlichen Gewaltmonopols

cicero 1_2016Ohne staatliches Gewaltmonopol ist alles nichts. Erst wenn dieses gesichert ist, können sich Zivilität und Rechtsstaatlichkeit, schließlich auch Demokratie entwickeln. In den Wirren der nahöstlichen und nordafrikanischen Bürgerkriege ist die düstere, aber realistische politische Theorie von Thomas Hobbes wieder auferstanden. Ein zutiefst ungerechter Staat, eine Regierung, die systematisch Menschenrechte verletzt, darf und soll gestürzt werden, vorzugsweise von der eigenen Bevölkerung, notfalls auch mit internationaler Unterstützung, sofern diese völkerrechtlich legitimiert ist. Voraussetzung dafür aber ist, dass das eine, ungerechte Gewaltmonopol durch ein anderes, ein gerechteres ersetzt wird. Die Politik der Zerstörung staatlicher Gewaltmonopole durch einen leichtfertigen westlichen Interventionismus ohne Aussicht auf die Etablierung eines neuen, gerechteren und im Idealfall demokratischen Gewaltmonopols ist selbst ein Verbrechen an der Menschlichkeit.

Cicero Januar 2016