Digitalisierung

The empirical circumstances in which human beings ascribe responsibility to one another are, however, subject to change. Science and technology play a great part in this transformation process. Therefore, it is important for us to rethink the idea, the role and the normative standards behind responsibility in a world that is constantly changing under the influence of scientific and technological progress. Auszug aus „Rethinking Responsibility in Science and Technology“ (2014)

 

Möglicherweise wird man in einer fernen Zukunft auf die Menschheitsgeschichte zurückblicken und von drei großen technologischen, disruptiven Innovationen sprechen. Der Übergang von der Jäger- und Sammlerkultur zu sesshaften Agrarkultur mit Ackerbau und Viehzucht in der Jungsteinzeit, der Übergang zum Maschinenzeitalter auf der Grundlage fossiler Energieträger und schließlich die digitale Revolution. Sollte dies einmal so sein, dann stehen wir heute erst am Anfang einer technologischen Revolution ähnlich wie Europa in den ersten Jahrzehnten des 19 Jahrhunderts.

Es gibt eine schöne Formulierung von Karl Popper, dass die Wissenschaft voranschreitet durch den Prozess kühner Entwürfe und kritischer Prüfungen. Kühne Entwürfe müssen sein. Wenn Wis­senschaft aus lauter Anpassern bestehen würden, dann wäre die Innovation gefähret.

Trotz dem sollten es stets die Standards der Humanität sein, die bestimmen, was in unserer Gesellschaft als Fortschritt gelten kann. Eine digitaler Humanismus ist darauf gerichtet, die Verantwortungsfähigkeit zu stärken, die Optionen der Digitalisierung für eine Entlastung von unnötigen Kenntnissen und Rechnereien zu erreichen, um Menschen die Möglichkeit zu geben, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren und das ist, einen Beitrag zu leisten für eine humanere und gerechtere Zukunft der Menschheit.

Verantwortung kommt nicht erst mit dem Terminus in die Welt, sondern sie ist ein zentrales Element der conditio humana. Das gehört zur humanistischen Perspektive.

Zu den derzeitigen Bedrohungen der humanistischen Perspektive, die sich übrigens nicht gegen Spiritualität und Religiosität wendet, gehört ein Diskurs, der etwa folgender Logik folgt: Eine bestimmte Eigendynamik, eine eigene Logik, eine technologische Entwicklung bestimmen, wie sich die Welt weiter entwickeln wird.

Aber…

Digitalisierung bedarf der Normativität

Suchmaschinen haben in der digitalen Welt die Rolle einer öffentlichen Infrastruktur und entsprechend gibt es für ihre Verfügbarkeit auch eine öffentliche Verantwortung. Die globale Dominanz von Google wird hier zu Recht als problematisch gesehen. Schlimmer noch wirkt sich aus, dass das kulturelle Gedächtnis der Menschheit durch die raschen technologischen Veränderungen, die nicht von einer adäquaten Normierungspraxis begleitet waren, Risse bekommt. Was früher verlässlich in Archiven gespeichert werden konnte, geht mit der jeweiligen Software-Technologie auch ohne Bibliotheksbrände zugrunde. Normierung muss, wie die historischen Beispiele zeigen, keineswegs den technologischen Fortschritt behindern, im Gegenteil. Sie kann, wenn vernünftig gestaltet und dosiert eingesetzt, dazu beitragen, dass auf den globalen Märkten ein gesundes Maß an Konkurrenz aufrechterhalten bleibt. Die gegenwärtige Entwicklung geht in die entgegengesetzte Richtung mit der Ausprägung einzelner Internet-Giganten, die eine quasi Monopolstellung für ihr jeweiliges Gebiet erreichen. Es bedarf auch auf globaler Ebene eines Analogons zu nationalem Kartellrecht, es bedarf einer globalen und per Vertrag von den wichtigsten Staaten der Welt gestützten Institution, die verhindert, dass die Weltökonomie in Abhängigkeit weniger Konzernzentralen gerät. Es darf nicht dazu kommen, dass kollektive Güter in Zeiten der Internet-Ökonomie und der neuen Kommunikationstechnologien privatisiert werden. Dazu gehört auch das öffentliche Gut einer garantierten Privatsphäre.

Digitalisierung der Arbeitswelt

Die Digitalisierung führt in keine arbeitslose Gesellschaft, in der die Arbeit durch Robotik und Maschinen ausgeführt wird und der Mensch arbeitslos zurückbleibt. Die fortschreitende Automatisierung der Arbeit wird im weitesten Sinne kulturellen Bedürfnissen neue Spielräume verschaffen, dort liegt das größte Wachstumspotenzial.

Digitalisierung der Kommunikation

Die Internet-Kommunikation und die Internet-Ökonomie sind wie die allermeisten technologischen Innovationen ambivalent. Sie ermöglichen ein weiteres Absinken der Transaktionskosten. Führt uns somit zu einem idealeren Markt mit vereinfachtem Zugang und schnellerem Austausch. Zugleich aber ist diese Form der Kommunikation anonym, was wiederum neue Probleme verursacht, z.B. zu weniger Transparenz und Wahrhaftigkeit. Ohne diese ethischen Normen ist eine funktionierende Kommunikation aber gar nicht denkbar und eine humane ökonomische Praxis nicht realisierbar. Dies gilt auch unter den neuen Bedingungen der Internet-Ökonomie.

Ein kurzer Einblick in die Themenwelt der Digitalisierung auf dem Medienkonzil 2015: Bürgersein in der digitalen Welt.


Autonome Fahrzeuge

„Wer trägt die Verantwortung beim autonomen Fahren – Fahrer, Fahrzeughalter oder Hersteller? Weil Roboter nicht wie Personen handeln und behandelt werden können, ist zu klären, wie wir unsere Kriterien aus Strafrecht, Zivilrecht und moralischer Alltagspraxis auf die neuen Technologien übertragen.“  Julian Nida-Rümelin

Ein vertiefende Publikation zur Verantwortlichkeit aus der Perspektive der Technik- und Maschinenethik finden Sie im Jahrbuch Wissenschaft und Ethik (2015) mit dem Titel „Zum Aufrechnen von Menschenleben im Falle unausweichlicher Unfälle“.


Am 21. Juni 2017 war Prof. Nida-Rümelin Gast beim Morgen Magazin zum Thema autonomes Fahren und klassische Dilemmasituationen. Wie kann die Reaktion z.B. in einer Unfallsituation algorythmisch festgelegt werden?  Wie soll ein Computer programmiert werden? Wer trägt die Verantwortung in Unfallsituationen?  Das Interview können Sie hier nachsehen.


Einen Beitrag zeigte das ZDF am 20.5.2016 in  ZDF Aspekte: Das Dilemma des Autonomen Fahrens.

 

 


In der NZZ schrieb JNR am 6.12.2016, dass die ethischen und juristischen Bedenken bei selbstfahrenden Autos gross seien, weil die algorithmische Verrechnung von Menschenleben der zivilen Ordnung widerspricht. Den ganzen Beitrag können Sie hier nachlesen.


Der  Beitrag  “Responsibility of Crashes of Autonomous Vehicles: An Ethical Analysis” (in: Science and Engineering. Berlin. S. 619-630. (2015)) diskutiert die Frage der Verantwortung bei Unfällen mit autonomen Fahrzeugen.


 



 

Prof. Nida-Rümelin leitete das EU-geförderte Projekt Robolaw zur Technik- und Maschinenethik.

 

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